Bauschutt oder Schatz? Warum wir Holz verschwenden – und wie es besser geht.

Was einst ein tragender Balken war, endet als Sperrmüll – trotz jahrhundertealter Geschichte. Während neue Materialien in Massen produziert werden, bleibt eine zentrale Frage unbeantwortet: Warum verschwenden wir, was bereits da ist? Ein Projekt zeigt Alternativen.

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Hunderte Jahre alt, dann entsorgt – oder doch ein zweites Leben? In der Bauwirtschaft gibt es zwei Wege: Wegwerfen oder Weiterdenken.

 

Holz im Bauwesen: Vom wertvollen Rohstoff zum Wegwerfprodukt?

Holz ist einer der ältesten und nachhaltigsten Baustoffe der Welt – und doch wird es in der modernen Bauindustrie oft als Abfallprodukt behandelt. Jährlich landen in der Schweiz tausende Tonnen Holz auf Deponien oder im Verbrennungsofen, darunter massive Balken, hochwertige Fensterrahmen und robuste Türen.

 

Paradox dabei: Während historische Hölzer achtlos entsorgt werden, boomen Möbel und Wandverkleidungen in Altholz-Optik in Möbelhäusern. Wer sich dort ein Brett im Vintage-Look kauft, erhält in vielen Fällen industriell gealtertes Neuholz – oft aus Asien importiert. Warum verschwenden wir, was wir eigentlich wertschätzen?

 

Ein Blick auf ein konkretes Bauprojekt zeigt, dass es auch anders geht.

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Das Gegenbeispiel: Upcycling in Aktion – Das Projekt Rothenbühler

Jürg und Marianne Rothenbühler standen vor einer Entscheidung: Ihr Bauernhaus aus dem Jahr 1792 sollte modernisiert werden. Die alten Holzbalken hatten jahrhundertelang Wind, Wetter und unzählige Geschichten überdauert. Eine naheliegende Lösung wäre gewesen, sie zu entsorgen und durch neue Materialien zu ersetzen. Doch die Bauherrschaft dachte weiter.

 

Statt das Holz zu verschwenden, wurde es sorgfältig demontiert – eine mühsame Arbeit, denn in den Balken steckten Nägel und Metallreste, aber auch jede Menge Geschichte. Doch es lohnte sich: Aus dem Altholz entstanden sechs massgefertigte Zimmertüren, eine massive Raumtrenntür mit 140 Kilogramm Gewicht und eine WC-Schiebetür mit stilvollen Metallbeschlägen.

 

«Diese Balken haben unser Zuhause über 230 Jahre getragen – sie verdienen ein zweites Leben», sagt Marianne Rothenbühler. Und so wurde aus dem, was viele als Abfall betrachtet hätten, ein einzigartiges Design-Element mit emotionalem Wert.

 

«Wir wollten etwas schaffen, das dieses Haus in all seiner Einzigartigkeit repräsentiert. Keine Standardlösung, sondern individuelle Türen, die perfekt zu diesem alten Bauernhaus passen.»
 

Patrick Beer, Gruppenleiter Schreinerei, GLB Emmental

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Was muss sich ändern? Wege aus der Verschwendungsfalle

Das Beispiel Rothenbühler zeigt, dass Holz-Upcycling funktioniert – aber es ist die Ausnahme, nicht die Regel. In der Bauindustrie fehlt es an Anreizen, Materialien konsequent weiterzuverwenden.

 

Drei zentrale Herausforderungen stehen im Weg

  1. Neuholz ist billiger als Altholz-Aufbereitung
    Das Bearbeiten und Reinigen alter Balken kostet Zeit und Geld, während industriell produziertes Holz sofort verfügbar ist.
  2. Zu wenig Bewusstsein bei Bauherren und Architekten
    Viele Projekte planen von Anfang an mit neuen Materialien, ohne Alternativen in Betracht zu ziehen.
  3. Fehlende gesetzliche Anreize
    Während Recycling von Beton oder Metallen gefördert wird, bleibt Altholz eine Randerscheinung.

Lösungsansätze

✔ Bewusstere Planung: Upcycling muss von Anfang an Teil der Baukonzepte sein.
✔ Förderungen für nachhaltige Bauprojekte: Subventionen könnten Upcycling wirtschaftlich attraktiver machen.
✔ Mehr Inspiration durch Vorzeigeprojekte: Bauherren müssen sehen, dass nachhaltiges Bauen nicht Verzicht, sondern Gewinn bedeutet.

 

Fazit: Vom Wegwerf-Bauen zum Werterhalt-Bauen

Das Projekt Rothenbühler beweist: Nachhaltigkeit und Ästhetik schliessen sich nicht aus – sie verstärken sich sogar. Jedes Stück Holz, das weiterverwendet wird, ist ein Statement gegen Verschwendung und für ein bewussteres Bauen.

 

Denn ob Bauschutt oder Schatz – diese Entscheidung liegt in unseren Händen.